Dienstag, November 24, 2020

Anna Monz-Kühn: Ein stilles Karriereende

Blomberg. Am 16. Mai hätte Anna Monz-Kühn nach acht Jahren im Trikot der HSG Blomberg-Lippe ihr letztes Bundesligaspiel bestreiten sollen.

Bekanntlich ist es aufgrund der Corona-Pandemie dazu nicht gekommen. Somit endete die lange und erfolgreiche Karriere der Torhüterin am 7. März, als sie in der Sporthalle an der Ulmenallee gegen den FSV Mainz 05 ein letztes Mal zwischen den Pfosten stand.

Im Interview mit dem Blomberger Anzeiger wirft die Rettungsassistentin unter anderem einen Blick zurück auf ein ereignisreiches Leben als Handballerin, spricht über das abrupte Saisonende, den Umgang mit der Corona-Krise und berichtet über ihre Zukunftspläne.

Der Abbruch der Saison in der Frauenhandball-Bundesliga kam plötzlich und für alle überraschend. Wie haben Sie dieses nicht vorhersehbare Ende der Spielzeit 2019/2020 erlebt?
Anna Monz-Kühn: Wir sind zunächst davon ausgegangen, dass wir das Auswärtsspiel in Oldenburg wohl mit weniger Zuschauern bestreiten würden. Dann hieß es aber, das Spiel findet komplett ohne Zuschauer statt. Schließlich bekamen wir die Info, dass die Bundesliga erst einmal pausieren würde. Wir sind dann in eine geplante Pause gegangen, aus der wir nicht mehr rausgekommen sind.

Dann haben Sie Ihre Mannschaftskolleginnen also nicht mehr wiedergesehen?
Anna Monz-Kühn:
Wir haben beim letzten Training noch Scherze gemacht. Den scheidenden Spielerinnen haben wir gesagt, dass wir uns freuen, sie kennengelernt zu haben, ihnen einen schönen Urlaub und viel Glück für ihre neuen Aufgaben gewünscht. Dass aus diesem Spaß dann plötzlich Ernst wurde, damit hat niemand gerechnet.

Eigentlich wären Sie mit ihrem Team doch in der vergangenen Woche auf Mallorca gewesen?
Anna Monz-Kühn:
Ja, das stimmt. Wir hatten es nach vielen Jahren geschafft, endlich mal wieder eine Mannschaftsfahrt auf die Beine zu stellen, auf die wir uns alle sehr gefreut hatten. Für mich wäre es der perfekte Abschluss gewesen. So ist es jetzt ganz schön bitter.

Seit Bekanntwerden der Corona-Pandemie mit allen daraus resultierenden Folgen sind nun einige Wochen vergangen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?
Anna Monz-Kühn:
Ganz am Anfang kam ich mir überrumpelt vor. Ich war total motiviert, wollte weiter trainieren und die Saison erfolgreich abschließen. Das Thema Urlaub war noch gar nicht existent. Nach einer gewissen Zeit kam dann allerdings ein Loch und ich habe mich gefragt, für wen man das Ganze eigentlich macht. Und da hat es sich bewährt, dass ich neben dem Handball noch ein zweites Standbein habe.

Welcher Tätigkeit gehen Sie neben dem Sport nach?
Anna Monz-Kühn:
Ich bin Rettungsassistentin auf der Rettungswache in Alverdissen und habe in den vergangenen Wochen ganz normal meine Dienste gearbeitet. Trotzdem schwankten die Gefühle hin und her.

Wie meinen Sie das?
Anna Monz-Kühn:
Man wusste anfänglich noch nicht genau, ob die Saison weitergehen würde. Da habe ich mich gefragt, wo überhaupt mein Ziel sei. Inzwischen habe ich einen guten Mittelweg gefunden. Meine Motivation ist wieder gestiegen und ich trainiere ab.

Sie haben die Geschicke der HSG Blomberg-Lippe in den vergangenen Jahren maßgeblich mitgeprägt. Sie sind zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Vereins geworden. Wie traurig sind Sie, dass Sie sich nicht mit dem verdienten Applaus von ihren Fans verabschieden durften?
Anna Monz-Kühn:
Ich finde es vor allen Dingen traurig für die Mannschaft, dass wir uns nach dieser erfolgreichen Saison nicht gemeinschaftlich verabschieden können. Und es stimmt mich traurig, dass wir nicht wissen, ob wir uns überhaupt noch einmal zusammen sehen werden. Wie mit dem Training, ist es auch mit dem Teamsport von hundert auf null gegangen. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen und des Lockdowns konnte man mit seiner Freizeit kaum etwas anfangen. Ich durfte weder zu meinen Eltern nach Bayern noch in den Urlaub fahren.

Vielleicht ergibt sich ja in der neuen Saison die Möglichkeit, dass Sie sich bei einem Heimspiel und vor einer ansehnlichen Zuschauerkulisse gebührend verabschieden können?
Anna Monz-Kühn:
Mein Mann Sascha und ich werden zunächst einmal weiter in Blomberg wohnen bleiben. Von daher ist noch genügend Zeit, sich von den Fans zu verabschieden. Außerdem werde ich weiter in die Halle gehen und das Team anfeuern. Was wirklich weh tut, ist sich nicht mit der Mannschaft verabschieden zu können.

Die HSG hat eine der erfolgreichsten Spielzeite seit ihrer Bundesliga-Zugehörigkeit absolviert. Nach dem Abbruch wurden Sie und Ihr Team als Tabellenvierter gewertet. Wie ordnen Sie die Saison rückblickend ein?
Anna Monz-Kühn:
Wir sind froh, dass wir bei allen Rechenspielen und verschiedenen Wertungskriterien den vierten Platz bekommen haben. Wir haben eine sehr solide Saison gespielt, hatten aber auch den einen oder anderen Ausrutscher, wie in Ketsch, dabei. Am Ende haben wir es uns aber auch verdient und das Geleistete macht einen natürlich stolz. Allerdings wäre es schöner gewesen, den Erfolg mit der Mannschaft zu feiern, anstatt alleine daheim auf dem Sofa.

Sie sind von Burghausen über Trier nach Blomberg gekommen. An welche Momente Ihrer Karriere erinnern Sie sich besonders gerne?
Anna Monz-Kühn:
Da gibt es eine ganze Menge. Wenn man chronologisch vorgeht, beginnt es mit meinem ersten Trainingslager in Trier mit großen Stars wie Anja Althaus, Alexandra Gräfer, Maren Baumbach oder Laura Steinbach. Ich bin da als junges Mädchen hingekommen und war dann ganz ehrfürchtig. Hinzu kam, dass ich in Trier ein Europapokalspiel machen durfte, obwohl ich noch nicht fester Bestandteil des Bundesliga-Kaders war. Es ging dann weiter mit Berufungen zur Junioren-Nationalmannschaft und dem Gewinn der Weltmeisterschaft.

Was ist von Ihrer Zeit in Blomberg hängengeblieben?
Anna Monz-Kühn:
In erster Linie denke ich natürlich an zwei Teilnahmen am Final Four, wobei wir einmal im Finale standen. Besonders viel Spaß haben aber auch alle Heimspiele gemacht. Die Stimmung an der Ulmenallee mit den tollen Fans war immer einzigartig.

Blicken wir in die Zukunft. Werden Sie dem Handball in irgendeiner Form verbunden bleiben – vielleicht als Trainerin?
Anna Monz-Kühn:
Ich habe im vergangenen Jahr zusammen mit Gisa Klaunig die B-Lizenz erworben. Ich habe mich aber zunächst dazu entschieden, keine Mannschaft fest zu übernehmen. Aufgrund meines Schichtdienstes lässt sich das nicht realisieren. Ich könnte mir aber gut vorstellen, beim Leistungsstützpunkt in Bünde den jungen Torhüterinnen mit meiner Erfahrung hilfreich zur Seite zu stehen.

Abschließend hätte ich gerne noch Ihre Einschätzung zur Wertung der beiden Ligen gehört. Bei den Männern ist der THW Kiel nach dem Saisonabbruch zum Deutschen Meister erklärt worden. Bei den Frauen allerdings ist Spitzenreiter Borussia Dortmund mit Ihrem ehemaligen Trainer André Fuhr diese Krönung verwehrt geblieben. Finden Sie die Entscheidung korrekt?
Anna Monz-Kühn:
Fakt ist, dass es bei uns Bietigheim noch aus eigener Kraft hätte schaffen können, Dortmund zu verdrängen. Was viele Außenstehende nicht wissen, dass Männer und Frauen in unterschiedlichen Verbänden organisiert sind. Obwohl wir alle unter dem Dach des Deutschen Handball-Bundes spielen, arbeiten die beiden Ligen nicht unbedingt zusammen und treffen daher zwangsläufig nicht die gleichen Entscheidungen. Es wäre natürlich schöner gewesen, wenn man ein einheitliches Bild gehabt hätte. In meinen Augen ist es richtig, dass es keinen Meister gibt, obwohl ich glaube, dass Dortmund es geschafft hätte. Ich finde übrigens auch, dass es bei den Männern keinen Meister hätte geben sollen.

Das Interview führte Mario Brink.

Anna Monz-Kühn trug sieben Jahre lang das HSG-Trikot. Foto: brink-medien