Samstag, September 19, 2020

Das Stoppelfeld blieb leer

Blomberg (miw). Am vergangenen Freitag sollte die 590. Auflage des Wilbaser Marktes beginnen. Doch die größte Kirmes in Lippe fiel der Corona-Pandemie zum Opfer.

Nicht nur die Schausteller, die teilweise um ihre Existenz bangen, sind betroffen. Auch viele Besucher bedauern die Absage. In den Gesprächen mit den Menschen wurde schnell klar: Für die Lipper ist der Wilbaser Markt mehr als nur irgendeine Kirmes – Wilbasen ist Tradition und mit vielen Erinnerungen verknüpft.

»Nach der Kartoffelernte ging es als Belohnung für uns Kinder immer zum Wilbaser Markt«, erinnert sich Erhard Neumann an seine Kindheit zurück. Damals, als er als kleiner Junge die Karussellfahrten genoss, hatte er noch nicht geahnt, dass er eines Tages große Verantwortung auf Wilbasen tragen wird.

Bis zum Jahr 2018 leitete Neumann als Marktmeister die Geschicke der Kirmes. »Eine schöne, aber auch sehr anstrengende Zeit«, resümiert der 62-Jährige. Direkt das erste Jahr sei für ihn eine Herausforderung gewesen. Es war das Jahr 2001 – kurz nach den Terroranschlägen von New York. Die Kreisverwaltung als Ausrichterin hatte überlegt, die Kirmes abzusagen. Schließlich hatte man sich aber für eine abgespeckte Version entschieden.

Wenn Neumann an den Wilbaser Markt denkt, dann komme ihm auch direkt die Ponybahn in den Sinn, erzählt er. Während des Marktgeschehens habe er nie viel Zeit gehabt, um sich mit den Schaustellern privat zu unterhalten. Doch für Herrn Kaiser habe er sich immer eine halbe Stunde Zeit genommen. »Meist haben wir uns ein ruhiges Plätzchen gesucht«, berichtet Neumann. Und dann habe der Senior Geschichten von früher erzählt, als er mit seinen Pferden und einer Kutsche von Kirmes zu Kirmes reiste. Ein fast schon freundschaftliches Verhältnis habe sich so über die Jahre entwickelt. Da der Schausteller nicht mehr der Jüngste sei, sei er jedes Jahr froh gewesen, wenn er ihn gesund und munter auf Wilbasen erblickte, erzählt Neumann.

Mit einigen Schaustellern stehe er auch heute noch in Kontakt. »Der Ausfall des Wilbaser Marktes ist für sie eine Katastrophe«, weiß der Siekholzer. Und er selbst hatte sich auch schon ganz besonders auf die Kirmes gefreut. Nachdem er im vergangenen Jahr dem neuen Marktmeister Eduard Pauls noch helfend zur Seite stand, wollte er in diesem Jahr Wilbasen als Gast besuchen – und die Gespräche, für die sonst so wenig Zeit blieb, nachholen.

Und auch viele andere Besucher bedauern, dass das Stoppelfeld leer blieb. Das zeigte eine Umfrage auf dem Blomberger Wochenmarkt. »Es ist sehr schade, obwohl ich die Absage in dieser Situation für richtig halte«, sagt Andreas Brächtker. Der 59-Jährige besucht die Kirmes immer gerne, da er dann viele Bekannte aus der Jugendzeit wiederträfe, sagt er. Auch von weit her würden viele Besucher anreisen, weiß Lies Nijemeisland. Einige ihrer holländischen Freude, die früher selbst in Blomberg gewohnt hätten, würden jedes Jahr zur Kirmes kommen.

»Früher war Wilbasen ein Heiratsmarkt«, erzählt Heidemarie Kehe. Viele Paare hätten nämlich auf der Kirmes zueinander gefunden, erzählt die 67-jährige Blombergerin, die damals gerne mit dem Kettenkarussell und dem Riesenrad gefahren ist. Früher habe man an manchen Tagen die Gummistiefel dabei haben müssen, erinnert sich Marita Murach. Damals habe es die asphaltierte Fläche noch nicht gegeben, und mitunter sei es sehr matschig gewesen. Doch auch das habe die Menschen nicht davon abgehalten, die Kirmes zu besuchen, weiß die 68-Jährige. »Die Atmosphäre auf dem Wilbaser Markt ist einfach toll«. In diesem Jahr bleibt den Menschen nur, in diesen Erinnerungen zu schwelgen.

Bis Juni liefen die Vorbereitungen, berichtet Marktleiter Pauls. Doch dann stand endgültig fest: Großveranstaltungen in NRW fallen mindestens bis Ende Oktober aus. Pauls hatte bereits einiges an Arbeit in die Planungen investiert. Im November sei immer Bewerbungsschluss für die Schausteller, erzählt er. Im Februar und März habe er die Zusagen verschickt. Einige Schausteller hätten schon die Gebühren bezahlt, die der Kreis bereits zurückerstattet habe.

Für Pauls war es nun der erste Wilbaser Markt, den er als Marktmeister allein organisierte. Daher sei es für ihn persönlich sehr bedauerlich, dass diese Premiere ins Wasser fiel.

 

Marktmeister Eduard Pauls, der ehemalige Marktmeister Erhard Neumann, Antonio Noack (Vorsitzender des Vereins lippischer Schausteller) und Kreiskämmerer Rainer Grabbe (vorne vorn links) sind mit einigen Schaustellern auf dem Stoppelfeld zusammen gekommen, um mit einem Bierfassanstich trotz des Ausfalls der Kirmes an den Wilbaser Markt zu erinnern. Foto: Michaela Weiße