Montag, Oktober 19, 2020

Emotionale Reise in die Normandie

Blomberg. »Dort, wo sonst Menschen aus aller Welt jährlich zusammenkommen, um den Opfern des Krieges und des so genannten ›Operation Overlord‹, zu gedenken, war alles so still und leer«, erklärt Marcus Pansegrau.

Der Blomberger reiste kürzlich gemeinsam mit seiner Frau in die Normandie – nicht nur privat, sondern auch als Vetreter des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge.

Im Sommer 1944 wütete in der Normandie der Krieg – die größte alliierte Landungsoffensive der Neuzeit fand dort statt. Sie leitete den Untergang von Hitlers Nazi-Deutschland und die Befreiung Frankreichs nach vier Jahren Besatzung ein, erklärt Pansegrau. An den fünf Strandabschnitten Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword kämpften vor allem Amerikaner, Briten, Kanadier, Franzosen und Polen gegen die Wehrmacht und die Waffen-SS und befreiten am 25. August nach erbitterten Schlachten Paris und damit ganz Frankreich.

»Seit dem 60. Jahrestag sind die Feierlichkeiten immer größer geworden. Dieses Jahr war in der Normandie allerdings alles anders«, berichtet Pansegrau. »Keine Masse von Menschen aus aller Welt, keine öffentlichen Gedenkfeiern, keine Fallschirmspringer, die aus den Militärmaschinen sprangen, und auch keine Fallschirmjäger der Luftlandebrigade 1 der Bundeswehr aus Saarlouis, die sonst seit vielen Jahren immer mit dabei sind«, blickt der Blomberger zurück.

»Es ist eine besondere Ehre, einen Kranz für alle Opfer des Krieges niederzulegen. Gerade auf so einer deutschen Kriegsgräberstätte wie La Cambe in Frankreich, wo sich vor Corona die Abgesandten der alliierten Streitkräfte, die französischen Gemeinden und unter anderem der deutsche Botschafter in Frankreich der Opfer gedenken und selbst einen Kranz niederlegen«, so Pansegrau.

Dieses Jahr habe er zwar fast alleine auf dem Friedhof, lange nach dem D-Day, gestanden, trotzdem sei es eine interessante Erfahrung gewesen, den Kranz niederzulegen und inne zu halten, ganz ohne die vielen Menschen und ohne Musik vom Militärmusikkorps.

Doch es sollte nicht die einzige emotionale Erfahrung auf seiner Reise bleiben. Einige Tage später erzählte ihm eine Freundin, die vor Ort lebt, die Geschichte über Peggy und Billie Harris aus dem texanischen Vernon. Nur sechs Wochen nach der Hochzeit der beiden damals 22-Jährigen wurde Billie als Pilot zur US-Airforce beordert und sollte Lufteinsätze in Europa fliegen. Keiner wusste zu dem Zeitpunkt, dass es sich unter anderem um die Invasion in der Normandie handeln wird.

Im Juli brach der Kontakt zwischen Billie und Peggy ab, sie hörte nie mehr von ihrem Mann. Aus Tagen wurden schließlich Jahre, da keine Meldestelle etwas zu dem Verbleib von Billie D. Harris sagen konnte oder durfte. Ein Familienmitglied versuchte beharrlich, nach über 60 Jahren das Rätsel zu lösen und erhielt schließlich Einsicht in die Akten. Billie starb in einem Kampfeinsatz über der Normandie, aber die Umstände seines Todes gingen weit über Pflichterfüllung hinaus, gibt Pansegrau die Geschichte wieder.

»Sein Kampfflugzeug wurde im Juni 1944 über der Normandie abgeschossen und ist in der Nähe des französischen Ortes Les Ventes abgestürzt. In den letzten Sekunden vor dem Absturz verhinderte er, dass sein Flugzeug direkt in die Ortschaft stürzen konnte, es zerschellte stattdessen im naheliegenden Wald. Nach zwei Tagen konnte er geborgen werden und bekam ein würdiges Begräbnis«, erzählt Pansegrau.

Sein Grab in Les Ventes ist bis heute erhalten und seine Witwe Peggy kam einmal jährlich nach Les Ventes zurück, obwohl nach dem Krieg seine Gebeine auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof verlegt wurden. Danach schickte sie regelmäßig Blumen an seine Grabstätte in der Normandie.

Nach dieser Geschichte besuchten Pansegrau und seine Frau das Grab von Billie D. Harris in Colleville-sur-Mere auf dem amerikanischen Friedhof. »Aufgrund der Corona-Pandemie waren wir fast die einzigen Besucher. Obwohl alles abgesperrt war, durfte ich als Volksbund-Vertreter eine Rose niederlegen. Es war unheimlich bewegend und ich habe mich mehrfach bei den Sicherheitskräften bedankt«, erzählt der Blomberger.

Bewegender Moment: Marcus Pansegrau legte am Grab von Billie Harris eine Rose nieder. Fotos: Marcus Pansegrau