Mittwoch, August 12, 2020

Flohmarkt weckt alte Erinnerungen

Blomberg (miw). »Als wäre die Zeit stehengeblieben«, sagt ein Gast, als er die Räume der ehemaligen Blomberger Kult-Kneipe »Scharfrichter« betritt.

Seine Blicke schweifen durch das alte Fachwerkhaus und bleiben hier und dort an einem der zahlreichen Gegenstände aus längst vergangenen Jahrzehnten hängen. Ein Hauch von Nostalgie liegt in der Luft.

Es ist schon einige Jahre her, als der ehemalige Besitzer und Betreiber der Kneipe, Reinhold Mennecke, hier das letzte Bier über den Tresen schob. Doch die Einrichtung ist geblieben. Bis jetzt. »Es ist alles zu verkaufen, auch was noch an den Wänden hängt«, steht auf einem Zettel am Eingang geschrieben.

Mennecke räumt nun endgültig seinen »Scharfrichter«. Daher lud er für Sonntag alle Interessierten zu einem Flohmarkt ein. Das Gebäude an der Neuen Torstraße ist längst zwangsversteigert. Für 131.500 Euro hatte Detlef Gründer aus Lippstadt bereits im Februar vergangenen Jahres den Zuschlag erhalten. Die Schlüsselübergabe erfolgte jedoch erst vor wenigen Tagen. Mennecke hatte lange an dem Objekt festgehalten, sogar einen Rückkauf und eine Wiedereröffnung in Erwägung gezogen. Doch es sei ein Problem, dass man kaum noch qualifiziertes Personal finde, erklärt der 65-Jährige. Daher habe er die Idee schließlich wieder verworfen.

Doch noch einmal im »Scharfrichter« zu stehen geht nicht spurlos an dem Gastwirt vorbei. »Da bekomme ich schon Gänsehaut«, sagt er. Viele schöne Erinnerungen und tolle Geschichten verbinde er mit der einstigen Kult-Kneipe. Reinhold Mennecke holte damals oft verschiedene Künstler und Promis in sein Lokal nach Blomberg. »Willy Millowitsch, Gunter Gabriel, Lolo Ferrari und viele mehr waren hier«, erzählt er. Und nicht nur der Wirt, auch die ehemaligen Gäste verbinden viele Erinnerungen mit dem »Scharfrichter«. So nutzten viele von ihnen die Gelegenheit, noch einmal ein wenig Kneipenluft zu schnuppern.

Schon eine halbe Stunde, bevor Mennecke die Türen des »Scharfrichters« öffnete, warteten einige Blomberger gespannt vor dem historischen Gebäude. »Ich hoffe, ihr habt auch Geld mitgebracht«, scherzte Mennecke als er die Interessierten hinein ließ. Der 65-Jährige hatte nach eigener Aussage schon immer eine Vorliebe für alte Sachen – an der Dekoration ist dies auch deutlich zu erkennen. So sind dort etwa alte Kinder- und Puppenwagen, Nähmaschinen, Wagenräder, Radios und vieles mehr zu finden.

»Was willst du hierfür haben?«, hört man immer wieder Stimmen aus den verschiedenen Ecken der Kneipe rufen. Wie in früheren Zeiten herrschte am Sonntag Hochbetrieb im »Scharfrichter«. Nach und nach reihten sich immer mehr Menschen in die Warteschlange vor dem Gebäude ein. Coronabedingt durfte immer nur eine gewisse Anzahl an Besuchern gleichzeitig hinein.

Unter den Gästen war auch Bärbel Kempa-Springer. Die Blombergerin ist Mitglied des Vereins »Kulturwerkstatt Blomberger Land«, der das Charles Dickens-Festival ausrichtet. »Wir sind immer auf der Suche nach Requisiten«, erklärt sie ihr Interesse. Und auch privat wecke der »Scharfrichter« viele Erinnerungen bei ihr. »Früher haben wir hier einmal in der Woche ein Bierchen getrunken«, berichtet sie. Und auch an den Schnitzeltag, an dem Mennecke immer Lose in kleinen Filmrollen verkaufte, erinnert sie sich gerne zurück. »Der ›Scharfrichter‹ war eine richtige Erlebnis-Gastronomie«, schwärmt sie.

So wie Bärbel Kempa-Springer dachten auch einige andere Blomberger mit etwas Wehmut an alte Zeiten zurück. Doch mit dem Kauf eines Erinnerungsstückes holten sie sich ein Stück »Scharfrichter« in die eigenen vier Wände zurück.

Joel Golücke (links) und Bärbel Kempa-Springer, Mitglieder des Vereins »Kulturwerkstatt Blomberger Land« kaufen Reinhold Mennecke eine Guillotine ab. Diese alte Köpfmaschine wollen sie als Requisit für das Charles Dickens-Festival nutzen. Foto: Michaela Weiße