Freitag, April 19, 2024

Verkehrsmedizin: Das »Wiener Testsystem« hat es in sich

Blomberg. Die Zahl der verkehrsmedizinischen Gutachten für Berufskraftfahrer ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen.

Diese Entwicklung hat Dr. med. Uwe Richter als Arbeits- und Verkehrsmediziner in seiner Praxis am Heutor festgestellt. Insbesondere auch rüstige Rentner, Studenten oder Nebenerwerbstätige wollen sich als Taxi- oder Busfahrer ein paar Euros dazu verdienen.

Doch was braucht es eigentlich, um vom Arzt unter gesundheitlichen Aspekten »grünes Licht« für die Fahrtauglichkeit zu bekommen und was hat es mit dem »Wiener Testsystem« auf sich? Ich bin diesen Fragen nachgegangen und habe den Selbstversuch gemacht.

Von Mario Brink
In der Praxis bin ich an einem Wochentag um 15 Uhr von Monique Disse freundlich in Empfang genommen worden. Die medizinische Fachangestellte hat mir ausführlich erläutert, was mich in den kommenden 60 Minuten erwarten würde. Los ging alles mit einem Sehtest und einer Perimetrie (Gesichtsfeldmessung).

Nachdem Teil eins absolviert war, ging es weiter mit dem »Wiener Testsystem«. Hierbei handelt es sich um eine psychologische Leistungsprüfung zur Eignung Personenbeförderung nach Paragraf 5 FeV (Fahrerlaubnisverordnung). Ich hatte mittlerweile vor einem Computer mit einer Art Spielkonsole Platz genommen.

Was es mit den bunten Knöpfen und Zahlen auf sich hat, erfuhr ich von Monique Disse. Ich musste mich auf drei unterschiedliche Aufgaben einstellen. Was sich in der Theorie recht einfach und spielerisch anhörte, sollte in der Realität zu einem echten Stresstest werden.

Bei der ersten Aufgabe musste ich aus einem Wirrwarr von acht Schlangenlinien den Weg einer vorgegebenen Linie bis zu ihrem Endpunkt verfolgen. Die Endpunkte waren mit den Ziffern von eins bis acht nummeriert. Die richtige Ziffer galt es schnellstmöglich einzutippen.

Nach 16 verschiedenen Bildern mit Schlangenlinien war ich froh, diesen ersten, sehr anspruchsvollen Teil nach rund zehn Minuten hinter mich gebracht zu haben. Um möglichst fehlerfrei zu bleiben, bedurfte es einer hohen Aufmerksamkeit. Eine große Verschnaufpause blieb nicht, denn es ging gleich weiter mit Teil zwei.

Jetzt musste ich zu den Farbpunkten, die ich auf dem Bildschirm zu sehen bekam, die passenden farblichen Knöpfe auf der Tastatur drücken. Und das möglichst schnell. Doch damit nicht genug. Hinzu kamen auch noch hohe und tiefe Töne, die es ebenfalls zu identifizieren galt. Es kam mir wie eine halbe Ewigkeit vor, ehe dieser Part absolviert war.

Zugegebenermaßen bin ich enorm gefordert worden. Ich empfand diese Aufgabe als sehr anspruchsvoll, zumal sie ein hohes Maß an Konzentration erforderte. Nicht weniger leicht wurde es zum Abschluss. Exakt eine Sekunde hatte ich Zeit, um verschiedene, mir gezeigte Verkehrssituationen, zu erfassen.

Danach sollte ich beantworten, was mir von dem kurzen Augenblick noch in Erinnerung geblieben war. Ich hatte zu achten auf Fußgänger, Zweiräder, Autos bzw. Lkws sowie Verkehrsschilder und Ampelanlagen. Alles gar nicht so einfach, aber durchaus machbar. In jedem Fall war auch bei den Bildern größte Aufmerksamkeit gefordert.

Nach zirka einer halben Stunde war ich mit dem »Wiener Testsystem« fertig. Monique Disse kam mit der Auswertung der Testergebnisse zu mir und gratulierte. Ich hatte die Aufgaben souverän gelöst. Nun war der Druck bei mir sicherlich nicht so groß wie bei jemanden, für den es an dieser Stelle um seine Existenz geht.

Gleichwohl ist mir bewusst geworden, dass eine gute Auffassungsgabe, Stressresistenz und zielgerichtetes Handeln hinsichtlich der Herausforderungen als Berufskraftfahrer unabdingbar sind. Blieb final noch die körperliche Untersuchung bei Dr. Uwe Richter mit einem abschließenden Gespräch.

Der Mediziner erläuterte mir, dass ich als Berufskraftfahrer eine gesundheitliche Eignung alle fünf Jahre bestätigen lassen müsse, schließlich würde ich als Lkw-, Bus- oder Taxifahrer eine große Verantwortung gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern tragen.

Das komplette Gutachten für die Personenbeförderung inklusive »Wiener Testsystem« kostet übrigens einmalig 166 Euro. Wer beim »Wiener Testsystem« eines der drei Module (oder auch mehrere) nicht auf Anhieb bestehen sollte, hat die Möglichkeit, es zu wiederholen. Allerdings werden dann 19,10 Euro je Wiederholung und Modul fällig.

Zur Person:
Dr. med. Uwe Richter ist seit 2004 Facharzt für Allgemein- und Betriebsmedizin. In seiner Funktion als Arbeits- und Verkehrsmediziner erstellt er in der Gemeinschaftspraxis mit Dr. med. Stephan Happe seit 15 Jahren verkehrsmedizinische Gutachten. »Es macht mir Spaß, nicht nur kurativ, sondern auch präventiv tätig zu sein«, betont der Arzt. Für ihn sei es eine willkommene Abwechslung zum Praxisalltag. Die Zahl der monatlichen verkehrsmedizinischen Gutachten beziffert Dr. Richter mit 20 bis 25 im Monat. Tendenz steigend.

Für Dr. med. Uwe Richter sind verkehrsmedizinische Gutachten eine willkommene Abwechslung zum Praxisalltag. Foto: brink-medien