Freitag, Oktober 9, 2026

Der Herr der Hintern macht den Laden dicht

Blomberg. Nach 78 Jahren ist Ende: Dieter Hoch schließt zum 31. Dezember sein traditionsreiches Geschäft »Hugo Hoch«.

Am 4. November wird der Mann, der für unzählige Kundinnen und Kunden über Jahrzehnte die passende Jeans gefunden hat, 85 Jahre alt. Nun ist für ihn die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen.

Ein Blick genügt. Vielleicht noch ein kurzer prüfender Griff ins Regal – und schon liegt sie da: die Jeans, die ziemlich sicher passt. Wer Dieter Hoch über viele Jahre bei der Arbeit erlebt hat, weiß, dass diese Fähigkeit beinahe schon legendär ist. Bundweite, Länge, Schnitt – der Blomberger Hosenexperte braucht dafür weder Maßband noch lange Beratungsgespräche. Erfahrung, Menschenkenntnis und ein geschultes Auge reichen meistens aus.

1948 eröffnete sein Vater Hugo Hoch, der mit seiner Familie aus Polen nach Blomberg gekommen war und in der Nelkenstadt eine neue Heimat fand, ein Geschäft für Textilien aller Art. Das Sortiment jener Anfangsjahre hatte mit dem späteren Jeans-Spezialisten noch wenig gemeinsam. »Von Kindersocken über Stoffe bis hin zu Gardinen und Bettwäsche reichte damals das Angebot«, erinnert sich Dieter Hoch.

Er selbst wuchs praktisch zwischen Stoffballen, Kleidungsstücken und Verkaufstresen auf. Seine Ausbildung absolvierte er bei »Brockschmidt« in Detmold, wo er auch die Großkonfektion kennenlernte. Weitere Erfahrungen sammelte er bei »Leffers«, bevor er 1960 nach Blomberg zurückkehrte. Noch im selben Jahr sollte eine Entscheidung fallen, die das Geschäft über Jahrzehnte prägen würde: die Jeans kam.

»In einer kleinen Ecke fingen wir mit Levi’s, Wrangler und Mustang an. Wesentlich mehr Marken gab es damals noch nicht«, erzählt Hoch. Was klein begann, entwickelte sich mit den Jahren zum Markenzeichen des Familienunternehmens. Gemeinsam mit Vater Hugo und Mutter Gerda, die noch bis zum Alter von 86 Jahren im Geschäft mitarbeitete, machte Dieter Hoch aus »Hugo Hoch« eine Adresse, die weit über Blombergs Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde.

Vor allem in den 1970er-Jahren erlebte die Jeans einen Boom – und Modetrends, über die Dieter Hoch heute noch schmunzeln kann. »Die 70er-Jahre waren verrückt«, erinnert er sich. Jeans mussten damals vor allem eines sein: eng. Und zwar richtig eng. So eng, dass manche Kundinnen sich im Geschäft auf den Boden legten, um Reißverschluss und Knopf überhaupt schließen zu können. Doch damit nicht genug. Einige stiegen anschließend mit der neuen Jeans in die Badewanne, damit sich der Stoff beim Trocknen noch enger an den Körper schmiegte.

Aus der kleinen Jeans-Ecke wurde mit der Zeit ein Sortiment, das seinesgleichen suchte. Rund 3.000 Freizeithosen und Markenjeans gehörten zeitweise zum ständigen Angebot. Wohin man im Geschäft blickte: Hosen. Auf Ständern, in Regalen, gestapelt und aufgehängt. Im hinteren Bereich nahmen sie sogar einen eigenen kleinen Raum ein.

Doch die eigentliche Besonderheit des Geschäfts ließ sich nie allein in Stückzahlen oder Markennamen ausdrücken. Während große Kaufhäuser mit Präsentation, Verkaufsflächen und ständig wechselnden Kollektionen lockten, setzte »Hugo Hoch« auf etwas anderes: persönliche Beratung. Ein Blick auf den Kunden, ein kurzer Griff zur richtigen Größe – und häufig saß bereits die erste Hose.

»Ich kann relativ schnell feststellen, welche Bundweite und Länge passen wird«, erklärte Hoch einmal. Doch genauso wichtig war ihm immer die Beratung. Wer zu ihm kam, wollte selten stundenlang durch den Laden schlendern. »Hier kommen keine Menschen rein, die shoppen wollen. Wer hier die Tür öffnet, möchte eine, besser gleich zwei Hosen, die passen.«

Dieter Hoch kannte seine Kundschaft, wusste, welcher Schnitt zu welcher Figur passt, und schickte Stammkunden bei Bedarf sogar mit einer Auswahl nach Hause. Dazu gehörte selbstverständlich auch ein Änderungsservice. Persönlicher Einzelhandel in einer Form, die heute immer seltener geworden ist.

Über Jahrzehnte sind so nicht nur Hosen über den Verkaufstresen gegangen. Es entstanden Gespräche, Bekanntschaften und oft Beziehungen zu mehreren Generationen einer Familie. Manche Kunden kamen von weit außerhalb Blombergs, weil sie wussten: Bei Hoch findet sich schon die richtige Hose.

Nach 78 Jahren verschwindet nun ein traditionsreiches Geschäft aus dem Blomberger Stadtbild. Für Dieter Hoch endet zugleich ein Lebensabschnitt, der kaum von seinem Beruf zu trennen ist. Mehr als sechs Jahrzehnte hat er selbst das Geschäft geprägt, beraten, verkauft und vermutlich mehr Maße richtig eingeschätzt, als er heute noch zählen könnte.

Wenn sich zum Jahresende die Tür an der Neuen Torstraße 52 endgültig schließt, bleibt deshalb mehr als die Erinnerung an ein Modegeschäft. Es bleibt die Geschichte eines Familienunternehmens, das 1948 begann. Die Erinnerung an Jeans, die in den 70ern nur im Liegen zugingen. An Tausende Hosen in Regalen und auf Ständern. An Kundinnen und Kunden, die teilweise über Jahrzehnte immer wiederkamen. Und natürlich an den Mann, dem oft ein einziger Blick genügte, um zu wissen, welche Hose passt.

Eine Institution hört auf: Dieter »Hugo« Hoch schließt zum 31. Dezember sein Geschäft an der Neuen Torstraße. Foto: brink-medien